Es gibt Orte, die mehr sind als nur Gebäude. Orte, in
deren Mauern sich Geschichten eingeschrieben haben.
Unsere Gemeinde ist mit einem solchen Ort verbunden:
dem Haus in der Seegasse 16.
Viele von uns gehen dort ein und aus. Doch was sich
hier in der Zeit des Nationalsozialismus ereignet hat, ist
nur in Ansätzen bekannt. Das wollen wir ändern. In den
kommenden Jahren werden wir die Geschichte dieses
Hauses erforschen und sichtbar machen.
Im Mittelpunkt steht die Schwedische Israelmission
in Wien, die hier ihren Sitz hatte. Ihre Geschichte ist
widersprüchlich: Hilfe für Verfolgte – und zugleich
Verstrickung in ein Unrechtssystem. Diese Ambivalenz
auszuhalten, ist eine wichtige Aufgabe des Erinnerns.
Gerade rund um den 5. Mai, dem “Gedenktag gegen
Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des
Nationalsozialismus” erinnern wir in Österreich bewusst
der Opfer des NS-Regimes – besonders der Jüdinnen
und Juden, die verfolgt und ermordet wurden.
Denn Erinnerung gehört zum Zentrum unseres Glaubens.
Die Bibel ruft immer wieder: „Gedenke!“ Auch wir leben
davon, dass wir uns erinnern – im Gottesdienst, im Abendmahl,
in unserem gemeinsamen Leben. Erinnern heißt:
Vergangenes wird gegenwärtig, damit es uns verändert.
Das Projekt „Erinnerungsort
Seegasse 16“ lädt dazu ein,
gemeinsam zu lernen: multiperspektivisch,
offen und mit Blick auf heute.
Es geht nicht nur um Geschichte,
sondern auch um Fragen unserer Zeit –
um Ausgrenzung, Verantwortung
und Zivilcourage.
Gerade weil die Zeitzeug:innen
weniger werden, braucht es solche Orte lebendiger
Erinnerung. Orte, die uns helfen, hinzusehen und zu
fragen: Was bedeutet das für unser Handeln heute?
Mit dieser Frage beschäftigen wir heuer im Rahmen der
Langen Nacht der Kirchen mit Diskussion
und Workshop.
Christliche Erinnerung bleibt dabei nicht ohne
Hoffnung. Wir vertrauen darauf, dass Wahrheit befreit
und Veränderung möglich ist.
Ich lade Sie ein, diesen Weg mitzugehen. Damit wir nicht
vergessen – und wissen, wie wir heute leben wollen.
Pfarrer Stefan Fleischner-Janits